Gemeinsam bewegen
-

- Erfolgreicher Start in den Sommer: Die Kursteilnehmer erlangten alle ihr Zertifikat von Gesundheitslehrerin Martha Heinemann (Fünfte von vorne).
Fortbildung „Kinästhetisches Handeln“ bringt Entlastung für Pflegepersonal und Bewohner
Medizinische und Psycho-soziale Fortbildungen sind heute in der Pflege hinsichtlich Qualifikation aber auch Entlastung bei der Arbeit unerlässlich. Ein 4-tägiger Kurs für „Kinästhetisches Handeln“ im Wohnpark Kranichstein schulte die Bewegungskompetenz der Mitarbeiter.
Rückenschmerzen und Muskelverspannungen sind typische Auswirkungen der Beschäftigung in den modernen Pflegeberufen. Hier erzielt die Kinästhetik erstaunliche Resultate, denn sie lehrt, wie individuelle Bewegungsabläufe optimal für die Gesundheit genutzt werden können. Wie das funktioniert, erläutert Dagmar Gutjer, seit 2000 Pflegedienstleiterin im Wohnpark. „Das tägliche Heben von Pflegebedürftigen z. B. aus dem Bett in den Rollstuhl sollte weniger mit Muskelkraft sondern mit Techniken der Verlagerung und Entlastung geschehen. Das bedeutet, durch gezieltes Zusammenwirken von Bewegungsabläufen des Patienten und des Pflegenden trägt der zu Hebende annähernd sein Gewicht selbst und spürt außerdem, dass er aktiv mithelfen kann. Das belebt wichtige Muskelgruppen des Bewohners und belässt ihn nicht in der Hilflosigkeit“, betont die 44jährige.
Der „richtige“ Griff
Dem Pflegenden indessen erlaubt das Wissen um den „richtigen“ Griff einen leichteren und fließenderen Transfer – ein zweiter Helfer zum Heben wird somit oft überflüssig, weiß Dagmar Gutjer aus ihrer langjährigen Praxis. Kursleiterin Martha Heinemann, Lehrerin für Gesundheitsfachberufe, ergänzt hierzu: „Das Konzept der „Kinästhetik in der Pflege“ bringt vergessene motorische Abläufe in Erinnerung, ähnlich wie der Patient sie als Kind vom Liegen zu Stehen erlernt hat“. Welche Muskelgruppen brauche ich für welche Aktivität? laute hier die zentrale Frage, so die Schulungsexpertin. Bei immobilen Bewohnern lernten die Fortbildungsteilnehmer, wie die Körperfülle schrittweise – ohne „Hau-Ruck-Verfahren“ – kontrolliert bewegbar sei. Und dem Bewohner, so Martha Heinemann, vermittelten kontrollierte Bewegungen ein angenehmes Sicherheitsgefühl.
„Bitte hochrücken!“
Doch nicht nur körperliche Entlastungstechniken sind Grundlagen der Lehre der Kinästhetik. Insgesamt sechs Handlungsstränge, darunter Anatomische Prinzipien und Gestaltung der Umgebung fließen in die Praxis der Bewegungslehre mit ein, die von amerikanischen Ärzten in den 80er Jahre entwickelt wurde. Ein besonderes Anliegen ist Dagmar Gutjer die gute Kommunikation zwischen Pflegepersonal und den Bewohnern. So erlaube eine sensible Sinneswahrnehmung, die durch die Kinesiologie zusätzlich geschult wird, sich besser in die Position des Bewohners hineinzuversetzen. Ein Beispiel: Ein einfaches „bitte hochrücken“, weiß der Bewohner oft nicht richtig zu deuten. Dagegen führe die Frage „aus welcher Perspektive agiert der Betreffende gerade“? häufig zum besseren Ergebnis, unterstreicht Gutjer.
Dieser „Perspektivenwechsel“ setze an der aktuellen Wahrnehmung und damit den Fähigkeiten des Bewohners an, die für den Bewegungsprozess genutzt werden sollen, vermittelt auch Martha Heinemann ihren Teilnehmern. Kräftezehrende Hebeaktionen können somit vermieden werden, das wissen beide Pflegeexpertinnen, stattdessen bleibe mehr Raum für Freude im täglichen Miteinander – und einen gesunden Rücken!
Was ist Kinästhetik?
Kinästhetik in der Pflege ist ein Handlungsmodell (Bewegungslehre), um alle Arten von Bewegungen in der Pflege zu ermöglichen. Ziel ist es, Pflegende, Angehörige, Therapeuten und betreuende Personen die nötige Bewegungskompetenz zu vermitteln, um den Patienten gezielt zu unterstützen. Das Modell hat gegenwärtig sechs wesentliche Bestandteile: Interaktion, Menschliche Funktion, Funktionale Anatomie, Anstrengung als Kommunikationsmitte, Menschliche Bewegung und Gestaltung der Umgebung. Das Lernsystem wurde von den amerikanischen Ärzten Dr. Frank Hatch und Dr. Lenny Maietta in den 80er Jahren entwickelt. |